Unicorns of Love – (k)ein Nachruf

Geposted von BerniErni,
Seit einigen Tagen ist es offiziell: Die Unicorns of Love werden ab dem kommenden Spring Split 2019 nicht mehr an der LEC, dem Nachfolger der EU LCS, teilnehmen. Es geht ein Stück Geschichte der Liga, das Herz der Fans und nicht zuletzt ein wahres Traditionsteam. Das hier ist (k)ein Nachruf.

Die Wundergeschichte um den Aufstieg



Unicorns of Love. Der Name weiß schon zu beeindrucken. Wer interessiert sich nicht für ein Team mit dem verzaubernden Namen Einhörner der Liebe. Die gesamte Kultur der Gamer scheint sich allein im Namen des Teams widerzuspiegeln. Die Trikots – im klassischen Pink.

Das erste Mal habe ich von den Unicorns of Love gehört, als sie am Promotion Turnier der EU LCS teilnahmen. Im Jahre 2014, vor etwas mehr als 4 Jahren also, traten die Spieler um Coach Fabian 'Sheepy' Mallant in der Promotion gegen Millenium an.

Damals hatte man einen fast schon legendären Kader:

Top-Lane: Kiss 'Vizicsacsi' Tamás
Jungle: Erberk 'Gilius' Demir
Mid-Lane: Tristan 'PowerOfEvil' Schrage
AD-Carry: Pontus 'Vardags' Dahlblom
Support: Zdravets 'Hylissang' Galabov


Wer diese Best-of-5-Serie nicht gesehen hat, der hat den Esport nie geliebt.

In einem Spiel, in dem die Einhörner bereits abgeschrieben waren, sie als absoluter Underdog in das Turnier gingen, schrieben sie Geschichte.

Folgendes Szenario: Man liegt 0:2 hinten, keiner außer einem selbst glaubt ernstzunehmend an die Chance, das Spiel herumzureißen und was tut man? Vergisst das Meta und pickt nur noch Comfort-Picks.

Hatte man die Fans mit dem Namen nicht sowieso schon auf seiner Seite, so war es spätestens bei Picks wie Poppy und Cassiopeia (das war damals eine viel größere Nummer!) und der Rückkehr zu ihrem berühmten eigenen Spielstil, dem „Chaos-Style“ soweit.



Die Einhörner schafften es tatsächlich, die Partie zu drehen – in einem Finale, das spannender nicht hätte sein können.



Damit war ein Mythos geboren. Der Chaos-Style, die Unicorns of Love, eine Fankultur – die EU LCS war um eine Mannschaft reicher. Und die sollte gleich im Anschluss Geschichte schreiben.



Die IEM – das Märchen geht weiter



Der erste ernstzunehmende Auftritt der Einhörner war dann in San Jose. Anfang Dezember 2014 fanden in Kalifornien die Intel Extreme Masters (IEM) statt – mit den Einhörnern als Team, von den Fans gewählt.

Erste Befürchtungen machten sich breit, man würde sich bis auf die rosafarbenen Knochen blamieren, wenn man gegen Lyon Gaming, damals noch als „Wildcard“ betitelt, die Segel streichen müsste. „Sind die Unicorns wirklich konkurrenzfähig?“ lautete die Frage, die sich alle stellten.

Ja. Ja, das waren sie. Und wie.

Wer dieses Turnier nicht gesehen hat, der hat den Esport nie geliebt.

Das Team um den deutschen Mid-Laner PowerofEvil schlug souverän Lyon Gaming, um dann mit TSM auf das damalige Nonplusultra der nordamerikanischen Liga zu stoßen.

Was dann folgte, wurde Geschichte. In einem Best-of-3 spielten die Einhörner das Team um Bjergsen an die Wand. Berüchtigt: Der Twisted Fate-Jungle von Mateusz 'Kikis' Szkudlarek, der um die Welt ging. Im ersten Spiel gegen die Nordamerikaner wählte UoL für seine Jungle-Position den eigentlichen Mid-Lane-Charakter und sorgte dafür, dass auf den Live-Servern ein Hotfix angesetzt wurde.

Durch cleveres Ausnutzen der Aggressions-Mechanik der Camps im Jungle wurde Kikis‘ Champion nicht angegangen - er konnte in Ruhe junglen. Man holte sich das First Blood gegen Søren 'Bjergsen' Bjerg und das Unheil TSMs nahm seinen Lauf.



Das Schlimme für alle TSM-Fans: UoL ließ im zweiten Spiel nicht nach. Man hatte Hoffnung, dass die Nordamerikaner nur Opfer einer Cheese-Taktik geworden sind, sich aber letztendlich durchsetzen sollte. Nix da. PowerOfEvil zeigte auch im zweiten Spiel, warum er zu der damaligen Zeit als bester deutscher Spieler und eines der größten Mid-Lane-Talente galt.

Quasi im Alleingang sorgte er dafür, dass DFG aus dem Spiel entfernt wurde, zeigte Bjergsen sämtliche Schwächen auf und nutzte diese eiskalt aus. Derweil wusste Kikis auf Wukong im Jungle zu begeistern. UoL war verdient eine Runde weiter – das Finale wartete.



Und auch, wenn das Finale mitunter deutlich verloren wurde, haben die Unicorns of Love hier ihren Anspruch untermauert und gezeigt, dass sie mit den ganz Großen mithalten können. Danach folgte dann ihr erster Split in der EU LCS.

Von der zweiten Liga ins Finale



Irgendwie waren sie die immer Unterschätzten. Ganz egal, an welchem Turnier sie teilnahmen, so gut wie nie waren sie der Favorit, immer waren sie der potentiell Schwächelnde.

Dabei wussten sie von Anfang an zu begeistern. Schon in ihrer ersten Saison spielten sie sich vor in die LCS EU Spring Split 2015 Playoffs. Dabei räumten sie zuerst Gambit Esports (FLASH! BEAR! SLAP!) und danach die absoluten Favoriten von SK Gaming (Remember Konstantinos-Napoleon 'FORG1VEN' Tzortziou?) aus dem Weg – um dann im Finale auf Fnatic zu treffen.

Wer dieses Finale nicht gesehen hat, der hat den Esport nie geliebt.

In einer spannenden Partie erschufen die Einhörner mit Varus und (schon vorher) Kog’Maw Mid-Lane ein ganzes Meta: die Poke-Meta.

Wer erinnert sich noch an das Fnatic mit Seung-Hoon 'Huni' Heo, Yeu-jin 'Reignover' Kim und Co? Ja genau, das Fnatic, das sich 2015 bis ins Halbfinale der legendären WM vorspielte und nur knapp das Finale dahoam verpasste. Dieses Fnatic haben die pinkfarbigen Aufsteiger in zwei der fünf Spiele an die Wand gespielt.



Unter anderem ausgewählte Helden: Varus Mid-Lane, Ziggs, Udyr und viele mehr. Die Fans liebten sie für ihre Spielweise, immer ein Coin-Flip und immer kamen irgendwie die Unicorns als Sieger heraus.

Der Chaos-Stil lässt sich so definieren: Die Unicorns ziehen ein professionelles Team auf das chaotischste Niveau, das überhaupt existiert, und schlagen sie mit Erfahrung. Kein Wunder, dass jeder sie mochte.



Zu dem Zeitpunkt war klar: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis wir Einhörner bei der Weltmeisterschaft sehen.

UoL – Der ewige Bubble-Boy



Wer hat Lust auf einen Exkurs zum Poker? Ausdrücke wie Anna Kournikova, Bluff, Flop oder Full House dürften sicher vielen Leuten ein Begriff sein. Der Bubble-Boy aber vielleicht nicht.

Der Bubble-Boy ist beim Poker der Spieler, der als letzter nicht die Geldränge erreicht. Der Viertplatzierte bei Olympia, sozusagen. Der Bubble-Boy ist also das, was die Unicorns of Love in der WM-Qualifikation sind.

Denn es sollte tatsächlich niemals reichen. Zwei Mal stand man im Finale eines Splits, zwei Mal (2015 und 2016) stand man im letzten Spiel der Regional Finals, einmal im vorletzten (2017). Niemals konnte man eins dieser Spiele für sich entscheiden.

Wer diese Dramatik nicht kennt, der hat den Esport nie geliebt.

2015 verlor man gegen Origen mit 0:3. Eindeutig und klar. Die Aufstiegssaison. Ärgerlich, aber mit Sicherheit verkraftbar. 2016 dann der Neustart, PowerOfEvil und Kikis verließen die Einhörner, man kämpfte sich trotzdem bis zu den Regional Finals – und verlor gegen Splyce. 2017 verlor man knapp gegen H2k-Gaming und der Traum war dann tatsächlich endgültig geplatzt – für immer, wie es scheint. Denn heute, im Jahr 2018 nach der WM, verlassen die Unicorns of Love, ungewollt, die EU LCS bzw. ihrem Nachfolger, die LEC.



(K)ein Nachruf



Pink wird der LEC fehlen. Ein Team, berüchtigt wie mysteriös, verlässt die Liga. Im Anhang: die Love Hurts Crew. Der Fan-Club der Einhörner symbolisiert das, was die Fans vom LoL-Esport ausmacht: Leidenschaft, Spaß, Liebe.

Riot entfernt nun dieses Symbol. Ein Fingerzeig gegen das Fan-Wesen und hin zum Profit? Naja, wir wollen mal nicht den Teufel an die Wand malen.



Normalerweise würde man ein Team wie die Unicorns of Love gebührend mit einem Nachruf verabschieden. Einem Nachruf, der die Menschen mitreißt, sodass nachher allen das Wasser in den Augen steht. Das mache ich aber nicht. Und das hat zwei Gründe:

Weint nicht, weil es vorbei ist, lächelt, weil es passiert ist


Mit diesem Satz teilten die Einhörner auf ihren Social-Media-Kanälen ihr Bestätigungsvideo zur Absage Riots. Und da ist viel Wahres dran. Wo wären wir denn heute, wenn damals Millenium im Aufstiegsrennen gewonnen hätte? Was hätte es alles nicht gegeben? Welche Momente blieben für uns immer verborgen?



Kein TF-Jungle, kein halbnackter Romain auf der großen Bühne als Anheizer, keine Love Hurts Crew, definitiv deutlich weniger Pink, das wohl spannendste Comeback aller Zeiten, kein Fan-Liebling, kein Vizicsacsi, kein Hylissang, kein PowerOfEvil, kein Sheepy. Ja, ohne die Einhörner wird es der LEC an „Fancyness“ fehlen.

Wem dieses Team nicht fehlen wird, der hat den Esport nie geliebt.

Der andere Grund dafür, dass das hier kein Nachruf ist, ist die Zukunft. Denn durch den Ausschluss aus der EU LCS (bzw. nun der LEC) hat eine Szene gewonnen: die Deutsche.

Im Video kündigte Sheepy an, an der Premier Tour teilnehmen zu wollen und damit mit Sicherheit auch an anderen Turnieren der deutschen Szene. Es heißt dann nicht mehr Fnatic vs. UoL, sondern eben ESG vs. UoL. Und für uns bedeutet das: Die Einhörner leben.

Zum Abschied findet ihr hier noch ein besonderes Schmankerl:

Die besten Momente, kurz zusammengefasst



Das wohl spektakulärste Spiel, das man je in der EU LCS begutachten konnte. Fnatic spielt hier gegen die Unicorns of Love in einem Spiel, das knapper nicht hätte sein können:



Hier sieht man die wohl dunkelste Stunde des neuen Mid-Laners Exileh – es war sein allererstes Spiel.



Was kann es Besseres geben, als im Viertelfinale der EU LCS zu spielen? Richtig. Shaco im Viertelfinale der EU LCS zu spielen.



„IT IS STOLEN! IT IS STOLEN! POWEROFEVIL!“ PowerOfEvil stiehlt den Baron im fünften Spiel – der Weg zum Finale.



Das erste Finale der Unicorns - vom Aufsteiger zum Titelträger? Nein. Mit dem ersten Finale kommt auch die erste Final-Niederlage.



Der größte internationale Titel, den die Einhörner gewinnen konnten: die IEM Oakland 2016



Das letzte Spiel ihrer LCS-Karriere bestritten die Einhörner gegen den späteren Vize-Weltmeister Fnatic – und gewannen mit Stil.



Wer dieses Team nicht liebt, der hat auch den Esport nie geliebt.

Ihr wollt keine Neuigkeiten zu League of Legends verpassen? Folgt uns auf Facebook und Twitter oder joint dem offiziellen Summoner's Inn Discord-Server!

  • BerniErni

    BerniErni

    Bernd Wilken
    Staff
    • Kontakt:
    • Ort:
      Münster, twitter: @BerndWilken, de

Kommentare