Geposted von BerniErni,
Mit dem Ausscheiden Vitalitys gegen Fnatic im Halbfinale des LCS EU Spring Split 2018 war klar, dass Erberk 'Gilius' Demir diesen Split nicht gewinnen würde, man ihn im Frühling nicht auf dem Thron sehen würde. Dennoch wird er weiter von sich behaupten, der beste Jungler Europas zu sein – und das ist das Beste, was er machen kann.

Unterhaltungsbranche LCS



Doch bevor der deutsche Jungler überhaupt eine tragende Rolle spielen soll, folgt hier erst ein kleiner Exkurs. Im vergangenen LCS EU Summer Split 2017 herrschte in Europa und Nordamerika noch das Best-of-3 vor.

Ein System, designt um die klar stärkere Mannschaft zu finden. Ein Best-of-5 nähme zu viel Zeit in Anspruch, ein Best-of-1 würde keinen klaren Sieger definieren, ein Best-of-2 sei frustrierend für Zuschauer, Spieler und Teams. Best-of-3 war also das „Spielsystem to go“, sozusagen.

Darunter zu leiden hatten die Zuschauer. Aufgrund der langen Spielzeit war es nicht mehr möglich, als Zuschauer jedes Spiel live zu verfolgen. Potentiell wurde es ermüdend, immer die gleichen Strategien, Champions und Teams zu sehen. Die LCS verlor an Zuschauerzahlen, gewann dafür aber an Spielqualität.

Riot sah dann eine Änderung vor. Es sollte weg von Best-of-3, hin zum guten alten Best-of-1 gehen. Man wollte mehr schaffen, mehr Möglichkeiten für Upsets, mehr Chaos, mehr Turnarounds, mehr Storytelling.

Und das hat funktioniert. Bis zum letzten Spieltag hatte jedes Team die Chance auf einen Platz in den Playoffs, fast jedes Team konnte von den begehrten Playoff-Plätzen noch verdrängt werden. Spannung pur stand auf dem Speiseplan.

Und vielversprechende Teams wie beispielsweise Misfits Gaming, Schalke 04 Esports oder die zuletzt wiedererstarkten Unicorns of Love fielen dem Best-of-1 zum Opfer. Gerade in League of Legends verliert oder gewinnt man Spiele in der Champion-Auswahl und durch das Vorbereiten und Adaptieren auf die nächste.

Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass die Misfits sich für die Playoffs qualifiziert hätten, wäre der Split in einem Best-of-3-Format verlaufen. Das kann man sicherlich weder beweisen noch verneinen, jedoch scheint die Performance von ROCCAT in eben jenen Playoffs zumindest die Vermutung nahe zu legen, dass sie in einer Best-of-Serie eher schwächer auftreten.

Was Riot hier also gemacht hat, war, dass sie eine schwerwiegende Entscheidung getroffen haben. Gegen den Geist des Wettkampfes, den Besten herauszufinden, und für den Unterhaltungswert. Der League of Legends-Esport soll in NA und EU primär (!) kein kompetitiver Wettbewerb sein, sondern ein Unterhaltungsmedium.

Dafür steht nicht nur exemplarisch der Wechsel vom Best-of-3 zum Best-of-1, sondern auch die Einführung des Franchising in beiden Regionen oder die Abschaffung der Abstiegsängste. Während ein Team theoretisch bei zu lange anhaltenden schlechten Leistungen die Liga verlassen muss, ist dies praktisch nicht möglich. Aber das ist auch nicht wichtig, der Fokus liegt auf der Unterhaltung.

Eine Story jagt die nächste



Und das ist in Ordnung. Schließlich ist Riot als Wirtschaftsunternehmen auf seine Zuschauer angewiesen, man muss Geld verdienen, um die Liga aufrechtzuerhalten, man muss sie beleben. Sicherlich kann man die Entscheidung gut oder schlecht finden, darum soll es hier aber nicht gehen.

Denn was dabei rauskommt, ist Storytelling. Um Zuschauer zu generieren, braucht man entweder eine gute Thematik oder ein gutes Objekt, was in diesem Falle League of Legends wäre, oder eine starke Persönlichkeit oder auffallenden Charakter oder aber eine Storyline, die es zu verfolgen gilt.



Das Objekt kann weder Gilius noch Riot ändern. In der LCS muss es immer um League of Legends gehen, alles andere wäre logischerweise keine LCS mehr. Soweit so trivial. Was beide Seiten also tun, ist an den Stellschrauben zu drehen, die sie besitzen.

Riot sorgt für das Storytelling. Wer kennt nach diesem Split nicht den „Italian Stallion“ Jiizuke? Wer kennt nicht die „King-Slayer“ von ROCCAT? Und wem ist die (inzwischen gebrochene) „G2-Legacy“ unbekannt? All das sind Storys, etwas, dem die Zuschauer folgen können, um das Interesse an der Liga hochzuhalten.

Und wer kennt „God Gilius“?

Gilius – Junglergewordener Gottessohn



Vorab: Gilius selber weiß, dass er nicht der beste Jungler der Welt, des Westens oder Europas ist. Nach seinen teilweise fahrlässigen Smites ist er wahrscheinlich nicht einmal der beste Jungler in Team Vitality. Aber das wird er niemals zugeben, er wird immer darüber stehen, er wird sich selbst immer für den Besten halten.

Die Statistiken sagen etwas anderes. Betrachtet man seine tatsächlichen Errungenschaften während der Regular-Season nämlich genauer, wird deutlich, dass sich Gilius in nahezu allen wichtigen Werten im unteren Mittelfeld wiederfindet. Etwas, das auch nicht dem Riot-Cast entgangen ist.



Diese Platzierungen stammen aus der siebten Woche der LCS. Wie sieht es also nach Ende der Regular-Season für den deutschen Jungler aus? Mit 15 Kills hat er die zweitwenigsten aller Jungler, unterboten nur von Ilyas 'Shook' Hartsema, der erst im Laufe des Splits ins Geschehen eingegriffen hat. (Hinweis: Ceadrel und Santorin entfallen der Wertung, weil sie den Split nicht als Jungler beendeten).

Kommt es zu Assists, ist er immerhin noch auf dem viertletzten Platz, wobei die starke Leistung seines Teams darauf großen Einfluss gehabt haben dürfte. Gemeinsam mit Djoko hat er die meisten Tode aller Jungler, 45 Mal musste er das Zeitliche segnen.

Deshalb hat Gilius auch die schlechteste KDA aller Jungler mit lediglich 2,5, womit er nur Platz 46 aller Spieler der EU LCS belegt. Seine Kill-Participation, ein für Jungler elementar wichtiger Wert, liegt mit 64,8% weit abgeschlagen hinter dem vorletzten Shook mit 69%. 23,1 % aller Tode Vitalitys kamen Gilius zu Buche - in einer Tank-Jungle-Meta. (Werte entnommen von Oracle’s Elixir). Sicherlich sagen Zahlen nicht alles aus, Zahlen sind nicht absolut. Aber doch zeigen sie exemplarisch auf, dass er zumindest bei Weitem nicht der beste Jungler war.

Und warum hat der selbsternannte Messias des Baron-Pits dann doch alles richtig gemacht?

Die zwei Vorteile eines starken Charakters



Gilius ist ein Zuschauermagnet. Die Leute wollen ihn spielen sehen, viele wollen ihn verlieren sehen. Deshalb schalten sie ein. Während man am Objekt League of Legends nichts ändern kann und das Storytelling von Riot übernommen wird (wobei der Deutsche dabei sicherlich ein einfacher Ansatzpunkt ist), sorgt Gilius für die starke Persönlichkeit.

Und wenn er dann wieder einmal ein Smite daneben setzt und dabei nur die Hoffnungen der Vitality-Fans zerschmettert, dann herrscht im Twitch-Chat Partystimmung. Und diese überträgt sich, die Spiele seines Teams werden geschaut und bekommen Aufmerksamkeit.



Damit macht Gilius sich in der Szene einen Namen. Sicherlich war er mal ein toxischer Spieler, sicherlich war er mal arrogant und überheblich. Nun spielt er es jedoch. Kein Mensch kann ernsthaft denken, dass er der Beste ist, wenn er dauerhaft schwache Leistungen zeigt und im Laufe des Splits noch viele Fehler macht, er keine reelle Chance auf den Titel hatte.

Und mit diesem Auftreten steigert er seinen Marktwert. Die Leute erkennen ihn, manche mögen ihn, viele hassen ihn. Und er bringt durch seine Überheblichkeit neuen Schwung in die Unterhaltungsbranche LCS.

Doch mit den Vorteilen für ihn hört das Positive nicht auf. Denn für das Team, in dem Gilius spielt hat, bedeutet der Jungler Ruhe. Wem galt denn die Kritik an Vitality hauptsächlich? Dass auch Lucas 'Cabochard' Simon-Meslet auf der Top-Lane keine herausragend starke Saison, sondern eher im Mittelfeld spielt und Jactroll neben seinem Star-ADC auch zum Teil untergeht, hat die breite Masse kaum interessiert.

Wichtiger war, dass Gilius wieder mal gestorben ist und dass er so „auf den Boden der Tatsachen“ zurückgeholt wurde, obwohl sein Abheben nur fiktiv war. In der Art und Weise hat er starken Druck von den Schultern des Rookie-Teams genommen, den Weg geebnet für Jiizuke und Co., um sich auf den vierten Platz zu spielen.

Der Mann, der alles richtig gemacht hat - ein Resümee



In einer „Liga“, die in erster Linie unterhalten soll, spielen Charaktere und Akteure eine übergeordnete Rolle. Auffällige Persönlichkeiten, Storylines und Aufreger sind wichtiger und auffälliger als stille Leistungsträger in anderen Teams. Was hat man beispielsweise von Tore Hoel 'Tore' Eilertsen gesehen, der ROCCAT vom Favoriten auf den letzten Platz in die Playoffs geführt hat gesehen? Ein paar Dabs und andere lustige Kamerasequenzen.

Gilius hat sich in diese Umgebung perfekt integriert. Er hat seinen Status als verblendeter, abgehobener Jungler, der sich selbst mindestens für Gott hält, und wird ihn nicht wieder hergeben. Er hat Wiedererkennungswert, die Leute schalten wegen ihm ein und wollen ihn spielen sehen.



In Zeiten von Storytelling und Unterhaltungswert steigert er so seinen Marktwert und kann sich verkaufen. Und gleichzeitig nimmt er dabei als Zielscheibe der Öffentlichkeit den Druck von seinen Mitspielern, die zum großen Teil Rookies in der LCS sind.

Deshalb ist Gilius der Mann, der alles richtig gemacht hat. Außer ein paar Smites vielleicht.

Wie steht ihr zu dem Thema? Glaubt ihr Gilius ist wirklich der Meinung, dass er der Beste sei oder ist es mehr ein Charakter, der seinen Marktwert steigern soll? Hat das öffentliche Standing von ihm wirklich so viel Einfluss? Sagt uns eure Meinung!

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    Bernd Wilken
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