Geposted von BerniErni,
Personal für alles
Neben den fünf Spielern und den Coaches, die in dem Gaming-Haus leben und trainieren, beherbergt die Unterkunft oft auch Köche, Reinigungskräfte und zusätzliches Personal. Sicherlich leben diese Personen nicht dort und sind nur angestellt, doch was zählt sind die Aufgaben, die sie übernehmen.Ich will, dass die Spieler sich auf nichts anderes, als das Spiel konzentrieren!
Diesen Satz gab der weitläufig bekannte Caster und ehemalige Coach von CLG Christopher "MonteCristo" Mykles in einem Interview mit dem Youtube-Kanal MachinimaVS von sich. Wichtige Dinge, wie Kochen, Putzen, Rechnungswesen oder ähnliches wird nicht von den Spielern, nicht einmal von dem Trainer übernommen. Stattdessen besorgt die Organisation, der das Gaming-Haus gehört, Personal, das diese Aufgaben übernimmt. Für sie ist das durchaus sinnvoll, denn das Gaming-Geschäft ist kurzlebig und man kann schnell weg vom Fenster sein. „Sponsoren sehen nur die Trophäen, nicht die Menschen, die sie gewinnen“, erklärte MonteCristo im weiteren Verlauf des Videos.
Um also Geld zu generieren, muss zwangsläufig Erfolg her. Das bedeutet für die Organisation, dass die Spieler umso mehr trainieren müssen, weswegen die Idee des Gaming-Hauses entstand. Doch eine Partei bleibt dabei auf der Strecke: die Spieler.
Alltägliche Dinge werden zu unüberwindbaren Herausforderungen
Die oft noch jugendlichen Zocker werden aus ihrer gewohnten Umgebung bei den Eltern herausgerissen und leben unter Umständen sogar in einem ganz anderen Land, mit einer Sprache, die sie nicht verstehen. Solange sie im Team sind, müssen sie sich keine Sorgen machen, alles wird für sie übernommen. Doch genau das ist das Problem. Jugendliche oder junge Erwachsene lernen in dem Alter für das Leben essenzielle Dinge wie die oben genannten Kochen, Putzen, etc.Junge eSportler lernen nichts von alledem. Ein Leben auf eigenen Füßen ist für sie so schnell nicht möglich. Tritt dann der Worst-Case ein und das Team präsentiert sich auf der Bühne schlecht, kann es schnell passieren, dass man aus der Mannschaft fliegt. Von heute auf morgen steht der ehemalige Spieler ohne Unterkunft da und muss zurück zu seinen Eltern und nochmal ganz von vorne anfangen. Ein Lebensweg, der sicherlich möglich ist, dessen Sinnhaftigkeit aber doch in Frage steht.
Privatsphäre nicht vorhanden
Hinzu kommt, dass die Spieler sich oft ein Zimmer teilen müssen. Nicht selten schlafen in einem Raum zwei oder mehr Personen, weswegen es quasi keinen Rückzugsort gibt. Ein Platz für ein Treffen mit Freunden außerhalb der eSport-Szene oder gar einer Liebesbeziehung ist für die jungen Gamer nicht vorhanden. Er ist auch nicht angedacht. Spieler sollen sich auf ihr Spiel konzentrieren und in ihrem Zimmer nichts anderes tun, als schlafen. Der ehemalige LCS-Spieler Mike 'Wickd' Petersen hat sich zu dem Thema auf Facebook geäußert:Die Hälfte der angesprochenen Probleme (Anm.d.Red.: Ein Reddit-Thread, in dem das Thema aufkam (siehe Quellen)) sind nur problematisch, wenn man kein eigenes Zimmer hat.
Und da hat der Däne zum Teil durchaus Recht. Doch auch mit eigenem Zimmer ist die Privatsphäre, die man benötigt, stark eingeschränkt. Sicher ist jedoch, dass man die Arbeit und das Privatleben schlicht nicht voneinander trennen kann. Eine Studie der FAZ zeigt, dass 81% der Entscheidungsträger aus mittelständischen Betrieben in Deutschland und Großbritannien Konflikte im Privatleben auf berufliche Verpflichtungen zurückführen. Wohlgemerkt geht es bei dieser Studie um „normalere“ Arbeiten, als professioneller eSportler. Die 700 befragten Personen hatten und haben nach der Arbeit die Möglichkeit, von dem Gebäude wegzugehen und in ihre eigene Wohnung heimzukehren. eSportler können das nicht.
Das Gaming-Haus von Team Liquid
Sie müssen ständig mit denselben fünf Personen auf einem recht engen Fleck leben. Das mag lange gut gehen, doch früher oder später streitet man sich auch in der besten Freundschaft mal. Und schnell kann ein solcher Streit auf die ganze Mannschaft überschlagen, wenn der nötige Freiraum nicht die angemessene Größe hat. Dieser Streit führt zu schlechter Stimmung und die führt zu schlechten Trainingsergebnissen, was wiederum ein schlechtes Abschneiden herbeiführt. Generell ist schlechte Stimmung ein großes Problem auf so engem Raum. Dass schlechte Laune ansteckend ist, weiß jeder. Aber schlechte Laune kann sogar schon dann ansteckend sein, wenn ein Einzelner eine schlechte Haltung hat oder nervös mit den Fingern auf dem Tisch klopft. Schnell kann sich ein solches Verhaltensmuster auf alle Anwesenden übertragen und für schlechte Stimmung im Team sorgen, besonders wenn man miteinander enger befreundet ist. Beides ergaben Studien der Universität Utrecht und Bern.
Der Fußball-Vergleich
Setzt sich der eSport das Ziel, ein anerkannter, großer Sport zu sein oder wenigstens in ähnlichen Sphären gesehen zu werden, so darf er auch einen Vergleich mit dem Fußball nicht scheuen. Denn dort, wo es offensichtliche Unterschiede gibt, gibt es auch viele Parallelen.Im Fußball ist es oft so, dass jugendliche Spieler in einem Fußball-Internat aufwachsen und dort lernen, aber eben auch speziell auf ihre Aufgaben als künftiger Fußball-Profi ausgebildet werden. Für ein solch groß angelegtes System hat der eSport weder die richtigen Strukturen, noch ist er groß genug. Was zählt ist aber das, was in der Zeit nach dem Internat kommt. Denn dann ziehen die Spieler aus und in ihre eigene Wohnung ein. Zu geregelten Arbeitszeiten treffen sich die Spieler dann am Trainingsgelände, um zu trainieren. Genauso plante es auch das League of Legends-Team von Team Liquid und genauso macht es das Overwatch-Team von EnVyUs.
Bootcamps und Gaming-Häuser sind offensichtlich die beste Art und Weise, sich auf pures Können und Ergebnisse zu konzentrieren
Das gab Dennis „Internethulk“ Hawelka, Overwatch-Spieler von EnVyUs, zu. „Doch das kann keine Langzeitlösung sein, denn mit sechs oder sogar mehr Leuten auf engem Raum wird es andere Probleme geben. Man wird ein großes Fehlen von freier Zeit und Distanz bemerken“, sagte er weiter. Team EnVyUs hat das Problem nun so gelöst , dass die Spieler ihre eigenen, kleinen Appartements haben und sich in einem „Gaming-Office“ treffen, um zu trainieren. Ab und zu gibt es dann Bootcamps, in denen die Spieler auch kurzzeitig zusammen leben, um zusammenzuwachsen. Meiner persönlichen Meinung nach ist das die beste Lösung für alle Beteiligten, wenn es auch in diesem Büro genügend Rückzugsmöglichkeiten für die Spieler gibt. Einer der größten Vorteile eines Gaming-Hauses ist mit Sicherheit die Möglichkeit, eine kurze Pause einzulegen und auf sein Zimmer zu gehen, wenn man es dringend braucht. Ist eine solche Ruhezone auch in dem Gaming-Office eingerichtet, ist es sicherlich die bessere Lösung.
Das Gaming-Haus der Unicorns of Love
Doch warum machen das dann nicht alle so?
Geld regiert die Welt. Das allseits bekannte Sprichwort trifft leider auch in der Welt des eSport zu. Denn Mieten sind teuer. Vor allem in Großstädten. Dass der Mietraum in Berlin, wo die europäische LCS stattfindet, beispielsweise sehr knapp ist, steht außer Frage. Für die Organisationen, die die Räume stellen, stellt das ein Problem dar. Sponsoring hilft zwar, doch ist noch lange nicht auf dem Level der großen, bekannten Sportarten und wird es so bald auch eher nicht erreichen.Die meisten Vereine können es sich schlichtweg nicht leisten, sechs kleine Wohnungen und ein recht großes „Gaming-Office“ zu mieten. Deutlich erschwinglicher ist da ein einzelnes großes Appartement. Mit mehr Geld in der Hinterhand könnte man sicher dafür sorgen, dass das Leben in einem Gaming-Haus revolutioniert wird. Denn obwohl man in einer solchen Umgebung viele Vorteile hat, birgt es doch Probleme für die Spieler und wirkt sich so auf lange Sicht negativ auf die Ergebnisse der Mannschaft aus. Der Weg vom Overwatch-Team EnVyUs wird auf jeden Fall die Zukunft des professionellen Gamings sein, wenn es durch Sponsoring finanzierbar wird.
Wie seht ihr das? Macht ein Gaming-Haus noch Sinn oder sollte auf „Gaming-Offices“ umgeschwenkt werden? Oder habt ihr noch ganz eigene Ideen für die Wohnung eines Gamers? Sagt es uns!
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