“Culture of fear” – Was TSM-Chef Reginald vorgeworfen wird

Geposted von TripleCrunch,
Seit vergangenem Jahr häufen sich Anschuldigungen von Mitarbeitenden und Spielern gegenüber TSM-Gründer Reginald. Die Rede ist von Mobbing, Wutausbrüchen, unsauberen Verträgen. Eine der größten E-Sport-Organisationen weltweit rückt in ein dunkles Licht. Was ist da los? Wutausbrüche, schlechte Arbeitsbedingungen, ausbeuterische Verträge. Wer gerade nach der Esports-Organisation TSM und deren CEO Andy 'Reginald' Dinh googelt, stößt auf einige Artikel mit Anschuldigungen, die es in sich haben.

Seit einem halben Jahr häufen sich Meldungen und Stimmen, deren Vorwürfe ein dunkles Licht auf eine der größten E-Sport-Organisationen der Welt und deren Gründer werfen. Aber was ist da eigentlich los bei TSM? Und was sagt Reginald zu den Vorwürfen? Wir fassen die Geschehnisse zusammen.

„Ich hasse TSM, vor allem wegen Andy“



Alles beginnt am 9. November 2021 mit einem Twitch-Stream. Aber nicht irgendeinem, sondern dem von Yiliang 'Doublelift' Peng. Er ist der ehemalige AD-Carry von TSM und einer der beliebtesten Profis der LoL-Szene. Ende 2020 gab Doublelift seinen Rückzug aus dem LoL-Roster TSMs und dem Pro-Play bekannt.

Doch kurz darauf habe er seine Meinung geändert, berichtet er, und habe Reginald kontaktiert, um doch wieder bei TSM mitzuspielen. Dieser habe ihn dann jedoch abgelehnt, „weil er ein zu großes Ego hat“, sagt Doublelift.



Vor tausenden von Zuschauer:innen erzählt der Streamer in diesem Kontext über Reginald: „Er ist wie ein Tyrann, der damit wegkommt, eine böse Person zu sein. Weil er Macht hat, weil Menschen Angst davor haben, sich gegen ihn zu erheben.“ Und weiter: „Ich hasse TSM, vor allem wegen Andy.“

Das sitzt. Einen Tag später veröffentlicht Reginald ein Statement. Darin streitet er Doublelifts Vorwürfe ab und beschuldigt ihn seinerseits, ein schwieriger Arbeitspartner zu sein, der ständig seine Meinung ändere.

Wäre dieser Handshake heute noch möglich? Reginald und Doublelift bei den LCS Summer Finals 2017. Bild: Colin Young-Wolff / Riot Games.


Bis hier hin ist es ein Drama, das man so oder so ähnlich schön häufiger im E-Sport gelesen hat. Dann veröffentlicht Doublelift am 12. November einen Tweet, der es in sich hat.

Vorwürfe von Mobbing und Beleidigung



Dinh habe Menschen „gemobbt und beleidigt“. Öffentliche Bloßstellungen, mentale Zusammenbrüche und auf der Arbeit weinende Menschen habe es bei TSM gegeben, so Doublelift.

Rumms. Diese Anschuldigungen haben eine andere Dimension. Immerhin geht es nun um die gesamte Organisation TSM, die gerade erst vom Forbes-Magazin als „most valuable esports company“ ausgezeichnet wurde, mit einem geschätzten Wert von 540 Millionen US-Dollar. Reginald ist das Gesicht und Gründer von TSM und leitet die Organisation seit 2009.



Die nun publik gewordenen Anschuldigungen rufen auch Journalist:innen auf den Plan, die der Sache nachgehen. Ein Bericht des Magazins „Wired“ vom 11. Januar 2022 gibt den Vorwürfen gegenüber Reginald eine neue Dimension.

„Kultur der Angst“



„Uns sind die Vorwürfe gegenüber dem CEO und Besitzer von TSM bekannt“, gibt darin Riot Games bekannt. „Wir haben die Anwaltskanzlei O’Melveny & Myers LLP beauftragt, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten wegen der Vorwürfe des Fehlverhaltens gegenüber dem Besitzer.“



Aber nicht nur die Beauftragung der Untersuchung seitens Riots wird in dem Artikel bekannt. Auch TSM habe nun eine eigene Untersuchung gestartet. Außerdem berichten in dem Artikel mehrere ehemalige Mitarbeitende TSMs von den Arbeitsbedingungen bei der Organisation.

Schon 2013 sei Reginald dafür bekannt gewesen, Spieler und Mitarbeitende beschimpft zu haben - sie „dumm“ oder „wertlos“ genannt zu haben. Er habe Mitarbeitende nach Geschäftsschluss zu sich gerufen, um sie anzuschreien. Mehrere Quellen berichten, dass er manchmal schon wegen kleinster Fehler ausgeflippt sei. Auch öffentliche Bloßstellungen durch Anschreien vor anderen Kolleg:innen habe es gegeben, so die Ex-Mitarbeitenden, die im „Wired“-Artikel anonym bleiben.

Seine Tiraden sollen sich dabei auch gegen die Spieler TSMs gerichtet haben. Ein ehemaliger Mitarbeiter erzählt, Reginald habe mehrere Spieler zum Weinen gebracht.

Nicht nur als CEO, sondern auch als Spieler prägte Andy 'Reginald' Dinh TSM. Bild: Tina Jo / Riot Games.


Die Quellen von „Wired“ berichten weiterhin, Mitarbeitende hätten absichtlich Beförderungen ausgeschlagen, um zu vermeiden, direkt an Reginald berichten zu müssen. Vier Mitarbeitende sagen, das Arbeitsleben bei TSM sei dominiert von einer „Kultur der Angst“.

Gegenüber „Wired“ äußert sich Reginald damals zu den Anschuldigungen. Er habe hohe Ansprüche an sich selbst und auch an seine Mitarbeitenden, Null Toleranz für „underperformance“. „Wenn ich fühle, dass jemand nicht liefert, teile ich das Feedback direkt und unverblümt.“ Er wisse, er habe an seiner Art, dieses Feedback herüberzubringen, zu arbeiten, sagt er weiter. Dass sein Vokabular manchmal zu harsch gewesen sei, ist ihn bewusst, sagt er. Er werde bei den Untersuchungen vollständig kooperieren und Empfehlungen der Untersuchenden annehmen.

So weit, so gut also? Mitnichten, wie sich am 4. Mai 2022 zeigt, als die „Washington Post“ mit neuen Erkenntnissen ein weiteres Kapitel öffnet.

Falsch deklarierte Verträge bei TSM?



Auch Beschäftigte bei „Blitz“, ein ebenfalls von Reginald geführtes Unternehmen, das Tracking- und Coaching-Apps für Gamer:innen entwickelt, berichten vom impulsiven Verhalten des CEOs.



Darüber hinaus berichtet die Washington Post darüber, dass Verträge von Mitarbeitenden möglicherweise das Arbeitsrecht Kaliforniens, wo TSM und Blitz ihren Sitz haben, verletzen. So seien einige Mitarbeiter nicht als Festangestellte, sondern lediglich als Freiberufler angestellt gewesen.

Jemanden als Freiberufler anzustellen, bedeutet für ein Unternehmen in Kalifornien einige finanzielle Vorteile. So muss das Unternehmen zum Beispiel weder Rente noch Versicherungsleistungen für den Freiberufler übernehmen. Damit eine Person jedoch als Freiberufler gilt, muss sie vom Unternehmen unabhängig sein und sich Arbeitszeiten und -ort selbst aussuchen dürfen. Außerdem muss sie Arbeit verrichten, die sich deutlich von der Arbeit anderer Festangestellter des Unternehmens unterscheidet.

Laut dem Bericht der Washington Post könnten sowohl bei TSM als auch bei Blitz Mitarbeitende zu ihrem Nachteil fälschlicherweise als Freiberufler angestellt gewesen sein.

Häufig bei den TSM-Matches dabei: CEO Reginald bei den NA LCS Summer Split Regional Finals 2018. Bild: Tina Jo / Riot Games.


Ein Ex-Mitarbeiter von Blitz berichtet in dem Artikel, er habe trotz Einstellung als Freiberufler sechs Monate lang 40 Stunden pro Woche für Blitz gearbeitet. Ein weiterer Freiberufler für TSM berichtet in dem Artikel, er sei für seine Arbeit regelmäßig, monatlich entlohnt worden. In beiden Fällen sagt der Fachanwalt Brandon Huffman gegenüber der Washington Post, er wäre „nicht überrascht, wenn der Staat dies als falsche Klarifizierung einschätzen würde.“

Weder TSM noch Blitz äußerten sich bisher zu den Vorwürfen. Ob die Angelegenheit von der Justiz geprüft wird, ist derzeit unklar. Was jedoch feststeht: Sollten die Vorwürfe falsch deklarierter Verträge sich bewahrheiten, könnte es teuer für TSM, Blitz und den verantwortlichen Reginald werden.

Macht führt zu Schweigen



Wenn die impulsive Art von Andy ‚Reginald‘ Dinh aber mutmaßlich schon 2013 bekannt war, warum kommt so vieles erst heute ans Licht? Sowohl Doublelift als auch die in den Artikeln von „Wired“ und „Washington Post“ zitierten Mitarbeiter:innen nennen den gleichen Grund. Die machtvolle Position von Reginald bei TSM und in der gesamten E-Sport-Szene.

Wer sich intern gegen Dinh aussprach, musste mit der Entlassung rechnen, so der Tenor der Quellen. Auch Reginalds Kontakte im E-Sport seien ein Grund gewesen, sich nicht öffentlich gegen ihn auszusprechen, so zwei Ex-Mitarbeitende gegenüber „Wired“.

Bei all den Anschuldigungen ist zu betonen, dass das Untersuchungsverfahren gegen Reginald weiterhin läuft.



Damit eine Untersuchung des Verhaltens des TSM-CEOs jedoch überhaupt ins Rollen kommen konnte, hat es einige Mitarbeitende gebraucht, die im Mantel der Anonymität ihre Anschuldigungen gegenüber Reginald hervorbrachten.

Der prominenteste Ankläger gegenüber Reginald, Doublelift, hat am Donnerstag einen weiteren Tweet abgesetzt. Darin zu sehen: ein Schreiben, offenbar von einer Anwaltskanzlei, die TSM vertritt, datiert auf den 12. November 2021. Daraus liest sich, dass TSM zu diesem Zeitpunkt offenbar rechtliche Schritte gegen Doublelift wegen des Vorwurfs der Vertragsbrüchigkeit prüfte, basierend auf den Äußerungen in seinem Stream.

Es könnte das nächste Kapitel in einem Sturm von Anschuldigungen sein, der längst nicht mehr nur über den CEO Andy 'Reginald' Dinh, sondern sein gesamtes Unternehmen hinwegfegt.

Teaserbild: Tina Jo - Riot Games via flickr

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